Doping als Lösung

09.04.2017

Ständig wachsende Anforderungen, hoher Leistungsdruck und Erreichbarkeit rund um die Uhr bestimmen heute das Leben vieler Arbeitnehmer. Um diesem Druck weiter standzuhalten, greifen viele Deutsche immer häufiger zu leistungssteigernden Pillen.

Studie der DAK

Knapp drei Millionen Deutsche haben bereits verschreibungspflichtige Medikamente genommen, um im Beruf mehr Leistung zu bringen, Ängste abzubauen und Stress zu bewältigen.
Die Zahlen stammen aus dem aktuellen Gesundheitsreport der Krankenkasse DAK, die dafür die Verschreibungsdaten von 2,6 Millionen erwerbstätigen Versicherten analysiert hat. Der Anteil der Berufstätigen, die entsprechende Mittel einnahmen um die eigene Leistungsfähigkeit zu steigern, stieg demzufolge in den vergangenen sechs Jahren, von 4,7 Prozent auf 6,7 Prozent – eine Steigerung von mehr als 40 Prozent. Da man sich diesbezüglich ungern outet, gehen Experten von einer fast doppelt so hohen Dunkelziffer aus.

Unter dem sogenannten Hirndoping bzw. Neuroenhancement (engl. enhancement: Steigerung, Verbesserung) werden allgemein Versuche zusammengefasst, die geistige und kognitive Leistungsfähigkeit mit Hilfe von Substanzen zu verbessern.

Insgesamt werden zum Hirndoping am häufigsten Medikamente gegen Angst, Nervosität und Unruhe (60,6 Prozent) sowie Medikamente gegen Depressionen (34 Prozent) eingenommen. Etwa jeder achte Doper schluckt Tabletten gegen starke Tagesmüdigkeit. 11,1 Prozent nehmen Betablocker. Mehr als jeder Zweite bekommt für die entsprechenden Medikamente ein Rezept vom Arzt. Jeder Siebte erhält Tabletten von Freunden, Bekannten oder Familienangehörigen, jeder Zwölfte bestellt sie ohne Rezept im Internet.

Der Wunsch nach der Zauberpille

Der Wunsch nach einer Zauberpille, die all unsere Probleme auf einen Schlag löst, ist uralt.
In einer Gesellschaft, in der die Grenzen von Machbarkeit und Vertretbarkeit immer mehr verschwimmen, das Motto "Höher-Schneller-Weiter" zur neuen Religion wird, ist der Griff zu eben solchen Versprechungen sehr verlockend. Für manche Menschen ein möglicher Ausweg, um weiter dem beruflichen Druck standzuhalten. Durch die Einnahme von Hirndoping sehen sie eine Möglichkeit, sich weiter den äußeren Ansprüchen individuell anzupassen, stärker belastbar in beruflichen und privaten Stresssituationen zu sein, die Entscheidungsfähigkeit weiter zu erhöhen und als "rund-um-die-Uhr-Dienstleister" erfolgreich funktionieren zu können.
Schließlich haben Tabletten grundsätzlich ein positives Image. Wir verbinden damit Heilung und Verbesserung eines Zustandes. Durch die Marketingstrategien von Energydrinks und Co. wird uns suggeriert unserer Leistung künstlich auf die Sprüngen zu helfen sei etwas ganz normales.

Fakt ist jedoch, das Gefühl, eine Lösung der Situation gefunden zu haben ist eine Illusion. Eine Illusion mit zuweilen dramatischen Folgen von chronischer seelischer Erschöpfung und den körperlichen Auswirkungen des Medikamentenmissbrauchs. Meist zeigen die Medikamente nur kurzfristige und minimale Effekte auf die kognitive Leistungsfähigkeit. Demgegenüber stehen hohe gesundheitliche Risiken, wie körperliche Nebenwirkungen bis hin zur Persönlichkeitsveränderung und Abhängigkeit.

Fehlende Bewältigungsstrategien

Neben dem äußeren Druck am Arbeitsplatz ist jedoch auch die eigene innere Haltung entscheidend, ob ich für eine künstliche Leistungssteigerung offen bin. Eine leistungsorientierte Arbeitskultur gepaart mit überzogenen Ansprüchen an die eigene Person, kann sehr schnell zu einer Überforderung führen. Bedürfnisse nach Ruhe, Ablenkung und Emotionen werden unterdrückt, um weiter zu funktionieren. Fehlen persönliche Strategien um diese Anforderungen zu bewältigen und ein seelisches Gleichgewicht zu halten, beginnt ein Teufelskreis. Der Punkt, Bilanz bezüglich der eigenen Grenzen, der eigenen Lebenssituation, sowie eigenen Denkmustern zu ziehen, verschiebt sich.

Das Konzept der Resilienz, die Stärkung der eigenen Widerstandskräfte in belastenden Zeiten, setzt genau an dieser Stelle an. Es geht darum, rechtzeitig eigene Bewältigungsstrategien- und - kompetenzen zu entwickeln, um den heutigen Belastungen, im Hinblick auf die eigene Gesunderhaltung, standzuhalten. Es geht darum, ein ganz persönliches Grenzmanagement zu entwickeln. Eigene Grenzen zu setzen, zwischen Arbeit und Freizeit, zwischen einer Selbst- und Fremdbestimmung, zwischen einer virtuellen und einer realen Welt. Sich Zeit zu nehmen, eigene Werte und Ziele zu überprüfen, die für uns so etwas wie ein Lebenskompass sind und unserem Tun einen Sinn geben.

Stress und Druck am Arbeitsplatz sind heute nicht völlig vermeidbar. Eine gesunderhaltende innere Haltung zu entwickeln, auf einen sinnvollen Ausgleich in der Freizeit, genügend Schlaf und eine gesunde Ernährung zu achten, ist jedoch möglich.

Tipps: Was können Führungskräfte tun

  • Prüfen Sie, in wie weit Ihre Mitarbeiter einem sehr hohen Leistungsanspruch ausgesetzt sind.
    Bestehende Zielvereinbarungen können dabei eine große Rolle spielen. Wie vage sind diese formuliert? Wie viel Einfluss haben Ihre Mitarbeiter darauf?
  • Welche Fehlerkultur leben Sie? Fehler sind normal. Keine Fehler zu machen übermenschlich. Keine Fehler machen zu dürfen erhöht nicht nur den Leistungsdruck, sondern kann Versagensängste auslösen.
  • In wie weit sind Ihre Mitarbeiter einem ständigen Leistungsvergleich unterzogen? Zu dem Druck im ständigen Wettbewerb zu stehen kommt, den Mitarbeiter auf seine Funktionalität zu reduzieren.
    Zahlreiche Studien haben belegt, durch welche Einflussnahme Führungskräfte positiv Auswirkungen auf die Gesundheit ihrer Mitarbeiter haben:

    • Entsprechend der Fähigkeiten angepasste Aufgaben
    • Handlungsspielräume bei der Aufgabenerfüllung
    • konstruktives Feedback
    • gemeinsame transparente Ziele
    • Förderung des Teamgefühls
    • verlässliche vertrauensvolle Beziehung zu den Mitarbeitern.

Eines sollten wir jedoch nicht falsch verstehen. Es stehen sich nicht Täter und Opfer gegenüber. Vom Arbeiter bis zur obersten Führungskraft sitzen alle bei dem Thema "steigende Arbeitsbelastung" in einem Boot. Alle zahlen schlussendlich körperlich und psychisch den gleichen Preis. Und eine Medaille zur Erreichung eines Burn-outs gibt es bekanntlich auch nicht. Es scheint, nicht nur auf Grund der neuesten Zahlen der DAK Studie, die einzige gesunde Lösung zu sein, sich rechtzeitig Zeit zu nehmen eigene und äußere Erwartungen zu reflektieren.

Christina Seitter, Unternehmensberatung müllerschön


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