Unternehmensnachfolge – emotional, vielschichtig und irrational? Theorie und Praxis überraschend oft weit auseinander

23.11.2012
22.000 Unternehmensübergaben pro Jahr; das schätzt das Institut für Mittelstandsförderung in Bonn allein für Deutschland. Hunderte Artikel und Berichte befassen sich mit diesem Thema. Leider laufen Unternehmensnachfolgen  oft nicht nach einem vorgegebenen Muster und ohne Reibungen ab. Die theoretischen und praktischen Szenarien unterscheiden sich stark. In der Regel ist man mit vier zentralen Problemen konfrontiert:

Regelung der Nachfolge ist überfällig

Szenario Theorie: Mit spezialisierten Rechtsanwälten und Steuerberatern bauen Sie ein Konstrukt auf, das die Strukturen im Management professionalisiert und einen Rückzug des Eigentümers auf Raten ermöglich. Erbschaftssteuerlich optimiert wird Ihr Unternehmen an die nächste Generation oder einen externen Manager übergeben. Sie als Inhaber ziehen sich Schritt für Schritt in den Beitrat/Aufsichtsrat zurück und kümmern sich vor allem um den Kontakt zu den wichtigsten Kunden und das Auftreten des Unternehmens nach außen. Szenario Real: Eine schwere Herz-Kreislauf Erkrankung oder Krebs lösen den Willen nach einer Nachfolgeregelung aus. Dann soll alles über Nacht gehen. Gelegentlich wird sogar der Notar auf die Intensivstation bestellt, um mal schnell als erstes sicherzustellen, wer nichts oder wer alles bekommt. Der Notar ist der alte lange Freund und formuliert Nachlassregelungen in der Eile so, dass die Finanzverwaltung die Regelungen des Testamentes später wegen Uneindeutigkeit nicht anerkennen wird.

Es kann, will oder soll keiner aus der Familie die Nachfolge antreten

Szenario Theorie: Ein Nachfolger aus der Familie wird über Jahre an die Nachfolge herangeführt und ausgebildet. Wenn es diesen nicht gibt, wird ein spezialisierter externer Manager gesucht, der über ein Beteiligungsmodell langfristig gebunden und motiviert wird oder es wird ein Käufer zu einem respektablen Kaufpreis gesucht .
Szenario Real:  Der Sohn aus erster Ehe ist mit 36 Jahren nach Mailand gegangen, um endlich sein Erststudium dort abzuschließen und nicht länger dem Druck der Familie ausgesetzt zu sein. Der Sohn aus zweiter Ehe hat eine Ausbildung im Betrieb gemacht und ist seither im Marketing zuständig für die Organisation der Internetpräsenz. Von Controlling, Mitarbeiterführung, Vertrieb und Produktionsorganisation hat er noch nichts gehört. In einem Punkt ist die Familie sich jedoch einig: „externe Manager sind alle viel zu teuer“. Die Tochter aus erster Ehe hat bereits vor einem Jahr ihren Pflichtteil eingeklagt und taxiert den Unternehmenswert zusammen mit Ihrem Promi-Anwalt auf „min. 100 Mio. EUR“. Ein Verkauf ist in der derzeitigen Konstellation nur mit hohen Bewertungsabschlägen möglich.

Innerbetriebliche Strukturen sind für eine Nachfolge nicht vorbereitet

Szenario Theorie: Über ein Beirats-/Aufsichtsratsmodell wird der Einfluss des Inhabers gesichert. Das operative Tagesgeschäft wird übergeben. Über eine schrittweise Übertragung der Anteile an die Kinder oder ein Vermögensverwaltungs-/Stiftungsmodell wird der Wille des Inhabers auch nach dessen Tod gewahrt und Erbschaftssteuer gespart. Szenario Real: Es ist nicht transparent wie profitabel einzelne Geschäftsbereiche im Unternehmen sind. Pauschal gesagt: „früher wurde gut verdient; heute nicht mehr. Der Inhaber ist Leiter aller Geschäftsbereiche, Alleininhaber und unangefochten. Bei einem plötzlichen Tod fiele Erbschaftssteuer in einer Höhe an, die das Barvermögen bei weitem übersteigen würde. Folglich müsste die Familie Notverkäufe von festen Vermögenswerten tätigen, um die Steuerschuld zu begleichen.

Finanzielle Abhängigkeit vom Inhaber ist hoch

Szenario Theorie: Stufenweise entkoppeln Sie ihre finanziellen Verpflichtungen vom Unternehmen. Banken übernehmen die Kreditlinien, Gesellschafterdarlehen werden zurückgezahlt. Mit Hilfe von Leasingmodellen und anderen Finanzinstrumenten werden künftig große Investitionen getätigt. Szenario Real: Die Bank droht mit Kündigung aller Kreditlinien, sollte die Nachfolge nicht zeitnah geregelt werden. Hohe persönliche Bürgschaften machen dem Inhaber einen Rückzug schwer. Es sind umfangreiche Maßnahmen nötig, um eine finanzielle Umschichtung zu ermöglichen.

Unternehmensnachfolge bedeutet am Ende des Tages wesentlich mehr als dem einen Kind Anteile und den anderen Kindern beispielsweise Immobilien zu überschreiben. In einem über einen längeren Zeitraum gehenden Prozess ist die Nachfolge zu regeln, sind Anteile optimiert umzuschichten und finanzielle Abhängigkeiten zu entkoppeln. Wenn dies gelingt ist das Lebenswerk gesichert und das Unternehmen oft mittelfristig ein vielfaches Wert; wenn dies nicht gelingt gehen daraus große Wertvernichtungen hervor. Ohne eine frühzeitige Hinzunahme eines Beraters kann leider in den meisten Fällen das Ziel nur noch Teilweise erreicht werden, da z.B. bis um Ableben des Inhabers zu wenig Zeit bleibt. Sebastian Aman, MBA
sa@tdalliance.com

Der Autor ist Managing Partner bei TDALLIANCE (www.tdalliance.com) in Berlin, einer auf Strukturierung, Entwicklung und Finanzierung von Unternehmensnachfolgen spezialisierten und bundesweit tätigen Unternehmensberatung.

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