"Lügner haben lange Nasen und Angst" (Teil II)

14.02.2013
Ehrlichkeit gehört zu den für uns fünf wichtigsten Werten. Schwer fällt es jedoch, sie auch zu erkennen. Im ersten Teil von "Lügner haben lange Nasen und Angst" habe ich mich mit auffälligen Verhaltensänderungen beim Lügen beschäftigt.
Im zweiten Teil setze ich mich mit den Teilen 2. – 4. auseinander. Sie erfahren hier, welche Auffälligkeiten beim Lügen zusätzlich zu beobachten sind und Sie diese erkennen können. 
  1. Verhaltensänderungen (siehe Teil 1)
  2. Disharmonien 
  3. Stressanzeichen
  4. Verhaltenskontrolle

2. Disharmonien

Lügen ist insgesamt eine sehr komplexe Aufgabe, so dass es dem Lügner schwer fällt, alle Aspekte (Köpersprache, Stimme, Mimik etc.) unter Kontrolle zu halten. Dies jedoch ist wiederum die Chance für sein Gegenüber, auf mögliche Disharmonien zu achten, um so Lügen aufspüren zu können. Jeder von uns kennt die Situation, in der wir uns mit Jemand unterhalten und plötzlich das Gefühl haben, irgendetwas stimmt nicht. Wir stellen uns dann die Frage, ob der Andere wirklich ehrlich ist oder weshalb wir verunsichert und vorsichtig werden. In vielen Fällen kommt dies durch eine unbewusst wahrgenommen Disharmonie im Verhalten des Gegenübers zustande. Aber wie kommt diese zustande? Woran lässt sich Disharmonie erkennen?  Wir können bei uns selbst beobachten, dass, wenn wir lügen, wir uns primär auf den Inhalt konzentrieren. Denn dieser ist konkret und daran werden wir auch gemessen. Die Stimme, der Blickkontakt usw. lässt sich objektiv kaum belegen, so dass wir diese Faktoren vernachlässigen. Der Gesichtsausdruck ist die wichtigste Basis: Der Lügner hat das Problem, dass er zum einen etwas verbergen will und zum anderen aber etwas bewusst zeigen möchte. Eben die Lüge und die Wahrheit. Diese zwei Emotionen spielen sich aber in den zwei unterschiedlichen Gehirnhälften ab und sind deshalb schwer miteinander zu kombinieren.  Darüber hinaus sind wir alle mehr oder weniger so trainiert worden, echte Gefühlsausdrücke oft zu unterdrücken, um so den jeweiligen Erwartungen gerecht zu werden. „Schau doch freundlich“, „Du schaust so grimmig aus“ usw. Dies hat zur Konsequenz, dass es uns schwer fällt, echte Gefühle von unechten zu unterscheiden. Und worauf genau, sollten wir achten?
  1. Die Reihenfolge ist falsch 
    Ehrliche Gefühle werden immer gezeigt, bevor jemand redet. Denn Gefühle sind schneller.
    Unehrliche sind dagegen langsamer, da sie erst konstruiert werden müssen und werden erst dann gezeigt, nach dem jemand angefangen hat zu sprechen.
  2. Asymmetrie beim Lächeln
    Studien belegen, dass echte Gefühle einheitlich auf dem gesamten Gesicht zu beobachten sind. Lügner dagegen zeigen unterschiedliche von links nach rechts oder in der oberen und unteren Gesichtshälfte. 
    Am bekanntesten ist wohl, dass beim Lächeln der Mund zwar nach oben gezogen wird, die Augen jedoch unbeteiligt bleiben. Achten Sie deshalb besonders auf die obere Gesichtshälfte, die weniger gut zu kontrollieren ist.
  3. Dauer und Intensität sind unangemessen
    Lügner wollen ihre gespielten Emotionen besonders deutlich hervorheben, so dass diese meist zu lange und auch zu intensiv gezeigt werden. Echte Gefühlsausdrücke sind meist nur kurz.
  4. Häufiges wechseln der Gefühle 
    Der ehemalige Polizist und heutige Verhörexperte Christopher Dillingham stellte fest, dass Lügner weit häufiger ihre Gefühle und Gefühlslage wechseln als Ehrliche (How to Detect Deception in Business, Life and Love). Deshalb sollten Sie bei Menschen, die besonders häufig ihre Stimmung wechseln, besonders vorsichtig sein.

3. Stressanzeichen

Zu lügen ist eine hochanspruchsvolle und komplexe Aufgabe, die Stress auslöst. 1. Die Stimme
Die Stimme ist direkt mit der Hirnhälfte verbunden, die schwerpunktmäßig für die Gefühle verantwortlich ist. Bei der Stimme lässt sich leicht beobachten, 
  • dass die Stimme beim Lügen höher wird,
  • dass beim Lügen, mehr gezögert wird, die Stimme jedoch sehr klar ist (denn darauf achten Lügner besonders),
  • dass langsamer gesprochen wird (um keine Fehler zu machen) 

2. Je stressiger die Situation, desto einfacher sind Lügen zu erkennen.
Da Lügen eine sehr komplexe und stressige Situation an sich ist, werden die Anzeichen bei einer Steigerung des Stresses noch deutlich auftreten (der Lügner ist überfordert). Dies ist z.B. dann möglich, wenn ein Mitarbeiter oder Kollege eine Arbeit ausführt und er parallel dazu auf Ihre Fragen eingehen muss. Lügner sind dann schnell überfordert.
Beispiele: 
  • Vorstellungsgespräche sind für die Bewerber immer stressig, so dass Lügenverhalten leicht zu beobachten ist. Sinnvoll gerade in solchen Situationen ist das permanente Nachfragen und Hinterfragen von Aussagen des Bewerbers. Denn wenn er sich eine Geschichte ausgedacht hatte, dann wird auch eine Frage dabei sein, mit der er nicht gerechnet hat. 
    J. Nasher schlägt z.B. vor, einfach, nach dem das Gegenüber mit reden fertig ist, „Tatsächlich?“ zu sagen? Jetzt muss er wiederholen und läuft Gefahr, sich zu widersprechen.
    Zu empfehlen ist auch, dass Sie immer wieder anders zum gleichen Sachverhalt fragen: Wann haben Sie mit Ihrer Doktorarbeit begonnen? – Wie viele Jahre ist es her, dass Sie Ihre Doktorarbeit geschrieben haben?
  • Als Verkäufer könnten Sie z.B. den Stress dadurch steigern, dass Sie z.B. äußern, dass Sie nochmals Rücksprache mit Ihrem Chef halten müssen (Verzögerung ist mit Stresssteigerung verbunden) und dann direkt nach den Alternativangeboten fragen. Z.B. Mit wem vergleichen Sie uns? 
  • Als Führungskraft können Sie erst den Stress steigern und dann eine Frage stellen, bei der Sie befürchten, dass sie nicht ehrlich beantwortet wird. Sie geben dem Mitarbeiter zu seinem Verhalten erst ein kritisches Feedback und stellen dann die entscheidende und eigentliche Frage. Z.B.: Was hat denn der Kollege zu Ihnen gesagt? Oder: Wie ist denn der Fehler passiert?

3. Verhaltenskontrolle 

Lügner glauben, dass man an unruhigem Verhalten oder deutlichem emotionalem Ausdruck den Lügner überführen kann und versuchen deshalb, ihre Körpersprache zu reduzieren (Mimik, Gestik – die Pupillen sind bei Stress und damit auch beim Lügen immer weit geöffnet). Sie kontrollieren in einem Übermaß ihr Verhalten. Pauschal formuliert lässt sich eine Lüge daran erkennen, dass das Verhalten im Vergleich zur Baseline zurückgeht. Fast jeder kennt dies von eigenen stressigen Präsentationen. Man konzentriert sich nur noch auf sich selbst und den Text und vergisst womöglich die eigene Körpersprache, die Stimme und die Zuschauer und wirkt deshalb distanziert und z.T. sogar arrogant. Es kann auch soweit gehen, dass man, wie der Lügner, interessenlos oder gleichgültig wirken kann. Genauso wie der körperliche Ausdruck zurückgeht, geht auch der Detailreichtum des Inhaltes verloren. Es fehlt an den unterschiedlichsten Details. Wie Bender und Nack aufführen, ist der Teil gelogen, der im Vergleich zur Baseline, an Details vermissen lässt. Nasher unterscheidet u.A. folgende Aspekte:
  1. Detailreichtum und Qualität der Details:
    Um sich möglichst nicht zu überfordern, wird der Lügner immer versuchen, sich kurz zu fassen. Die Details fehlen ganz oder sind auf ein Minimum reduziert.
    Außerdem sind ungewöhnliche Einzelheiten ein deutlicher Hinweis auf eine Lüge.
  2. Details über psychische Vorgänge anderer:
    Erwähnt jemand Details z.B. wie es jemand anderem dabei ging oder wie er ausgesehen hat (er war ganz erregt) sind dies ein Zeichen für eine wahre Aussage.
  3. Details über Raum und Zeit:
    Verbindet jemand eine Aussage mit Angaben zum Raum (z.B. er saß mir dabei gegenüber) oder mit der Zeit (es war während der Tagesschau), sind dies Hinweise für eine ehrliche Antwort. (in einer konstruierten Geschichte, wären diese Infos nicht enthalten)
  4. Details über Komplikationen:
    Erzählt der Kunde z.B. über Komplikationen oder Besonderheiten bei der letzten Lieferung („Wir mussten die Teile erst mal vom Sand säubern“) oder ein Bewerber erzählt von Komplikationen während seiner Prüfung oder im ersten Ausbildungsjahr, gilt diese Aussage als ehrlich.
  5. Harmonische Details:
    Bedenklich sollten z.B. in einem Bewerbungsgespräch sein, wenn die Person zu bestimmten Abschnitten im Lebensauf, vor allem dann, wenn es schon längere Zeit her ist, auffallend viele Detailkenntnisse hat, zu anderen jedoch eher wenig. Hier ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass der detailreiche Teil vorbereitet, konstruiert und gelogen ist und der detailärmere vermutlich ehrlich. Dies kommt z.B. besonders dann häufig vor, wenn in einem bestimmten Abschnitt (z.B. Arbeitslosigkeit) oder schlechte Prüfungsergebnisse eine Geschichte ausgedacht wurde, um diese Situation zu beschönigen.
  6. Sprunghafte Darstellung – Brüche im Sprachmuster:
    Ehrliche Erzählungen, vor allem über persönliche Erlebnisse werden seltenst chronologisch dargestellt. Ehrliche Darstellungen werden z.B. auch sprunghaft dargestellt, so dass z.B. plötzlich Dinge erzählt werden, die dem Erzähler jetzt gerade im Moment in den Kopf kommen.
    Vorbereitet oder konstruierte Erzählungen werden jedoch chronologisch, so wie vorbereitet erzählt. Auffallend ist auch, dass wenn der Sachverhalt wiederholt erzählt werden muss, exakt die gleiche Wortwahl und die gleiche Struktur verwendet werden. Die Gleichheit beim Wiederholen ist ein sehr klarer Hinweis auf eine vorbereitet Erzählung bzw. Lüge.
    Um die Richtigkeit einer Geschichte zu erfahren, empfiehlt es sich, wirklich interessierte Fragen (keine kritischen) in einer angenehmen Atmosphäre zu stellen. So wird der Gesprächspartner arglos und plaudert eher ungezwungen. Ist die Stimmung angespannt oder „überprüfend“ wird unser Gegenüber kritisch und Brüche im Sprachmuster werden weniger auffällig. 
    Lügnern fällt es besonders schwer, die zeitliche Reihenfolge ihrer Geschichte zu verändern. So könnten Sie z.B. eine Aussage im Bewerbungsgespräch dadurch überprüfen, dass Sie die zeitliche Reihenfolge drehen. Wenn der Bewerber z.B. sagt: „Ich habe trotz dem Vorfall bei dem Kunden X die Präsentation sehr professionell durchgeführt, um so die Situation noch zu retten“. So könnten Sie z.B. fragen: "Wie haben Sie sich denn in der Vergangenheit dem Kunden gegenüber verhalten?" (Also was ist davor passiert?) Ist seine Geschichte unwahr, fällt es ihm schwer, zeitlich in Gedanken zurückzugehen und er wird längere Zeit benötigen, um eine konkrete Aussagen zu machen. 
An dieser Stelle sei auch erwähnt, dass Lügner, um Zeit zu gewinnen, dazu neigen, eine Frage oder Teile daraus zu wiederholen oder eine unnötige Gegenfrage stellen. 
- „Ob ich den Schlüssel gestohlen habe? 
- „Wie meinen Sie das?“

Tipp

Grundgedanke: Viel und ausführliches Reden = Wahrheit – Kurz, knapp und überlegtes Reden = Lüge! Da eine ausführliche und blumige Erzählung, die noch mit Details geschmückte ist, sehr wahrscheinlich wahr ist, sind Passagen, die eher abstrakt und kurz dargestellt werden, eher unwahr (Reduzierung der Komplexität – Zeit zum überlegen). Hier einige Antwortkategorien und deren Zuordnung:
Ehrliche AntwortVermutlich gelogene Antwort
Direkte Antwort – geht auf die Fragen ein
Spontane und lebendige Antwort
Wenig Gegenfragen
Ansteigende Sprechgeschwindigkeit und keine Lücken
Beantwortet die Fragen nicht und weicht aus (z.B. Gegenfragen)
Wenig beschreibend und sehr überlegt
Ausweichende Fragen
Antwortet zu früh oder sehr spät
Geschwindigkeit, Stimmhöhe und Lautstärke nimmt ab

Tipps

  • Achten Sie darauf, ob die Gefühle (besonders Mimik) auf eine natürliche Art und Weise gezeigt werden. Wenn nicht, kann dies auf eine Lüge hinweisen.
  • Achten Sie darauf, ob Gefühle im gesamten Gesicht oder nur in Teilbereichen gezeigt werden. Falls nicht, kann dies für eine Lüge sprechen.
  • Achten Sie darauf, wie detailliert Sachverhalte geschildert werden und ob sich dies während einer Aussage oder im Gespräch verändert. Detailreichtum spricht für Ehrlichkeit. 
  • Achten Sie auf die Reihenfolge: Erst Emotionen (Mimik), dann die Aussage. Diese Folge spricht für Ehrlichkeit.
  • Zeitliche Brüche oder Sprünge in der Satzkonstruktion, sprechen für die Ehrlichkeit.
Übrigens: Wussten Sie, dass es den sogenannten Pinoccio Effekt tatsächlich gibt? Es ist nicht nur eine Erfindung eines italienischen Kinderbuchautors. In der Zwischenzeit konnte nachgewiesen werden, dass die Nase beim Lügen durch den erhöhten Blutdruck tatsächlich (etwas) dicker wird und sich auch deshalb Lügner an die Nase fassen.  Dr. Albrecht Müllerschön

Literatur: 
Bender, Rolf + Nack, Armin; Tatsachenfeststellung vor Gericht
Nasher, Jack; Das Geheimnis, kleine und große Lügen zu entlarven.
Dillingham, Christopher; How to Detect Deception in Business, Life and Love.

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