Hören wirklich nur Führungskräfte schlecht zu?

18.09.2011
Viele Führungskräfte, Verkäufer und andere Berufsgruppen glauben, sie seien offen für Kritik und die Meinungen anderer. Eine krasse Fehleinschätzung, wie die Befragung von Vorgesetzten, Kollegen und Mitarbeitern beweist. Es wäre jetzt aber zu einfach, nur auf Führungskräfte zu schauen, für die es immer wieder Untersuchungen gibt, die diese Schwäche bestätigen. Wichtig ist es, das jeder für sich prüft, wie es um die eigene Fähigkeit „zuzuhören“ bestellt ist. Ganz besonders dann, wenn es sich um Kritik handelt. Das fehlende Zuhören fällt z.B. bei Führungskräften dann auf, wenn Mitarbeiter wegen Unzufriedenheit kündigen und die Führungskraft dann sagt: „Warum haben Sie nicht früher mit mir geredet“? und der Mitarbeiter zur Antwort gibt: „Ich habe es mehrmals versucht aber Sie haben mir nie zugehört oder mich auf später vertröstet“. Woran liegt es, dass fast jeder von uns schlechte Nachrichten oftmals einfach nicht zur Kenntnis nimmt?
Untersuchungen und unsere Erfahrungen aus den Coachings zeigen, dass viele eine falsche Selbstwahrnehmung gegenüber ihrer Offenheit bzgl. unangenehmer Nachrichten haben.
Es zeigt sich typischerweise, dass viele Menschen ihre eigenen Fähigkeiten und Leistungen selbst deutlich höher einschätzen als das z.B. ihre Kollegen tun. Viele Menschen senden häufig unbewusst Signale aus, dass sie schlechte Nachrichten nicht wirklich hören wollen.
Kollegen, Kunden und Führungskräfte formulieren zwar immer wieder, dass sie eine offene Kommunikation pflegen und Feedback begrüßen. Wenn es dann aber „soweit ist“, sieht die Praxis anders aus. Wie kommt dieser Widerspruch zustande? Zwei Erklärungen sind denkbar:
1. Grundsätzlich hat fast jeder Mensch das Bestreben, das eigene Selbstbild aufrechtzuerhalten. Kritik würde dieses jedoch infrage stellen und zu einem unangenehmen „Schwächegefühl“ führen. Besonders deutlich wird dies bei Menschen mit einem niedrigen Selbstwertgefühl. 2. Bei Führungskräften ist zu beobachten, dass sie oft das Machtgefälle zu ihren Mitarbeitern unterschätzen und sich wenig in die Situation des Mitarbeiters versetzen können. Wenn dann der Mitarbeiter ein oder zwei „Anläufe“ macht, die dann durch nonverbale Signale abgewertet werden oder er das Thema wechselt, gibt der Mitarbeiter meist auf.
Diese Verhaltensweisen verhindern nicht nur den freien Fluss besonders von „schlechten“ Nachrichten, sondern unterbinden sogar, dass Verbesserungsvorschläge geäußert werden, die als Kritik aufgefasst werden könnten. Grundsätzlich sollte jeder, besonders Führungskräfte und Manager, davon ausgehen, dass sie weit weniger offen sind für unwillkommene Nachrichten, als sie selbst denken - und sie sollten überlegen, inwiefern sie möglicherweise subtile, abwehrende Signale senden, die Anderen den Mut nehmen, sich offen zu äußern.

Tipp

1. Prüfen Sie, ob Sie andere - und vor allem kritische Meinungen- wirklich interessieren und diese wirklich als Bereicherung betrachten können.
2. Beobachten Sie Ihre nonverbale Reaktion, wenn Sie kritisiert werden.
3. Lassen Sie nicht nur ausreden, sondern hören Sie aktiv zu.
4. Stellen Sie Verständnisfragen, um den Sachverhalt zu klären und zu verstehen.
5. Seien Sie vorsichtig mit dem „Reflex“: „Ja aber...“
Albrecht Müllerschön

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